Bericht aus der Ukraine - Saporoshje und Kiev - von Valentina und Werner

Datum
Kommentare Keine

Valentina (66, Ukrainerin) und Werner (66, Deutsche) sind seit 7 Jahren glücklich verheiratet. Valentina ist nach Deutschland zu ihrem Ehemann umgezogen, und seitdem fahren die Eheleute jedes Jahr in Valentinas Heimat, um ihre Verwandten zu besuchen. Vor zwei Tagen sind sie aus der Ukraine zurückgekommen und beschreiben uns die vor Ort erhaltenen Eindrücke.

Valentina: Jedes Jahr freue ich mich in die Ukraine zu reisen. Werner fährt immer mit und ich bin sehr glücklich darüber, daß er stets an meiner Seite ist. Wir reisen jedes Mal zur Osterzeit in die Ukraine. Da haben die Menschen zahlreiche Feiertage und viel Zeit. Es gibt ja so manches zu erzählen.

Und so war es auch jetzt. Wir waren zwei Wochen in der Ukraine. Mit dem Flugzeug sind wir von Düsseldorf nach Kiev gekommen. Einen Tag haben wir in Kiev verbracht. Meine Familie wohnt aber in dem rd. 500 km entfernten Saporoshje, Südukraine, eine Stadt mit rd. 780.000 Einwohnern. Nach Saporoshje fuhren wir mit dem Zug. Werner und ich hatten ein Abteil für uns beide, das kostete etwa 80 Euro für die einfache Fahrt. Wir machen das immer so. Man kann auch nach Dnipropetrovsk fliegen, das liegt näher am Ziel, aber mit dem Zug durch das Land zu reisen finden wir sehr romantisch.
Zwei Wochen haben wir in Saporoshje verbracht, fuhren dann wir wieder nach Kiev zurück und sind noch einen Tag dort geblieben, um durch die Straßen zu bummeln und den Maidan zu besuchen, von dem wir zuletzt so oft im Fernsehen gesehen haben.

Ich habe gehört, in Saporoshje gibt es jeden Sonntag Versammlungen auf dem Hauptplatz, wo sich pro-russische Separatisten treffen und versuchen die Menschen zu beeinflussen. Wir sind extra dahin gegangen, um selbst alles zu sehen und Fotos zu machen. Aber es gab keine Proteste. In Saporoshje und Dnipropetrovsk ist alles sehr ruhig. Ich konnte überhaupt keine Spuren von Unruhen finden.

Was die Stimmung der Menschen angeht, da kann man merken, daß sie heute nicht ihre besten Tage erleben.
Meine Familie und meine Verwandten, mit denen ich sprechen konnte, sind bester Hoffnung, daß sich bald alles beruhigt und im Land wieder Frieden einkehrt. Die Ereignisse der letzten Monate sind natürlich nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen.

Es gibt Menschen, die absichtlich keine Nachrichten sehen wollen, um ihr Privatleben und den Alltag nicht zu stören. Ich habe aber in den zwei Wochen niemanden getroffen, der nicht über die instabile Situation in der Ukraine und die Geschichte mit der Krim redet. Die Menschen haben keine Angst. Viele wollen sogar trotzdem in diesem Jahr ihren Urlaub in der Krim verbringen, was ich eigentlich nicht mehr machen würde. Die Menschen sind aber unsicher, wie es weiter gehen wird. Ich habe keine Person getroffen, die zu Russland gehören will.

Alle möchten in einem selbständigen Land wohnen, das weiter die Richtung zur EU verfolgt. Eine Freundin sagte mir, wenn Saporoshje zu Russland gehören würde, würde ich nach Kiev umziehen. Die Menschen wollen kein Zurück mehr, obwohl sie heute noch keine Euphorie zeigen. Keiner weiß, wie weit das Ganze noch gehen kann und ob es dazu kommt, daß man das Land weiter angreifen wird.

Nur diese Stimmung der engen Verwandten und Freunden kann man spüren. Die Menschen freuen sich auf das Treffen sehr, aber dann öffnen sie dir das Herz, und das hat mich auch sehr traurig gemacht. Die Zeit mit der Familie und den Verwandten war aber trotzdem sehr schön.

Es gibt Menschen, die tatsächlich noch pro-russisch denken. Das sind aber Menschen, die meistens über 60 sind und sich mit der neuen Welt nicht mehr auskennen.

Neue Technologien und Demokratie sind für sie Fremdwörter. Sie erzählen die Geschichten, daß es in der Zeit der Sowjetunion besser war, da hatten wir mit der Schwester nur ein Kleid und mussten es unter uns teilen. Aber wir waren glücklicher. Ich denke, sie haben einfach Nostalgie und sehnen sich nach ihrer Jugend.

Die Ukrainer warten jetzt auf die Wahl und auf die neue Regierung, und sie hoffen sehr, daß der Westen die Ukraine mit Rat und Tat auf dem Weg zur Demokratie unterstützen wird und besonders bei der Bekämpfung der Korruption mithilft.
Werner: Ehrlich gesagt hatte ich sehr viele Bedenken, was die Reise in die Ukraine zu dieser Zeit angeht. Ich lese fast stündlich deutschsprachige Nachrichten und verfolge alle Entwicklungen, obwohl mir Tina immer sagte, es sei ja gar nicht so. Da sind nur pro-russische Separatisten die Unruhe stiften, und die versammeln sich nur auf den bestimmten Plätzen, wo wir gar nicht hingehen werden.

Ich hatte aber trotzdem Bedenken, weil unsere Reise durch viele Städte des Landes gehen sollte. Ich kenne das Land und die Menschen, eigentlich soll dort nichts passieren, aber wenn ich an die Fernsehbilder denke, dann bekomme ich schon Angst, daß alles möglich sein kann.

Ich habe mit Valentina versucht zu reden, um die Reise zu verschieben, vielleicht bis nach der Wahl am 25.05.14. Valentina wollte aber unbedingt zum Osterfest reisen. In dieser Zeit kann sie alle ihre Verwandten und Freunde sehen. Das ist ja sehr wichtig für sie.

Dann waren wir in der Ukraine. In Saporoshje merkt man aber wirklich überhaupt nichts. Die Straßen sind wie immer, der Frühling kommt, die Sonne scheint und viele Menschen mit freundlichen und glücklichen Gesichtern gehen in den Parks mit ihren Kindern spazieren. Wir sind im Hotel Sheraton in Saporoshje geblieben. Ein tolles Hotel, ein Doppelzimmer mit Frühstück kostet etwa 60 Euro pro Nacht. Es liegt am Fluss Dnipro und auch sehr zentral. Wir haben jeden Tag Ausflüge gemacht und andere Städte besucht. Wenn ich nicht wissen würde, es in der Ukraine Proteste gibt, würde ich nicht denken, dass es irgendwelche Unruhen gibt. Aber wirklich nicht. Das Leben ist absolut normal dort. Der Familie geht es gut, alle gehen zur Arbeit, Schule und Kindergarten. Sie gehen ins Restaurant und in Gaststätten, die Kinder sind glücklich und lachen. Was sie meiner Ehefrau auf ukrainisch erzählen, das kann ich nicht verstehen. Valentina erzählte, die Menschen sind sehr mit den Gedanken beschäftigt, wie es weiter gehen wird.

Zwei Wochen in Saporoshje waren sehr schön. Da kann man auch sehr viel sehen und unternehmen. Auf der Insel Chortiza ist die Natur ja unbeschreiblich schön, da haben wir auch das bekannte Kosakenmuseum besucht.

Als wir vor dem Abflug noch einen Tag in Kiev verbringen wollten, haben wir uns entschieden unbedingt zum Maidan zu fahren. Und erst dort konnte man sehen, was im Land abgelaufen ist. Die Zusammenstöße, die waren doch hier. Das abgebrannte Haus bleibt stehen, um die Menschen an die grausamen Tage zu erinnern. Das Leben geht weiter, aber das Land ist noch von Ruhe und Stabilität, die wir hier im Westen kennen, weit entfernt. Die Zelte stehen auf dem Maidan, die Reifen liegen da, als Symbol, daß die Menschen noch nicht entspannt sind, und bewachen die Situation weiter, bis die neue Regierung tatsächlich alles unter Kontrolle kriegt. Das schaffen sie ja auch.

Zelte auf dem Maidan. Menschen sitzen da und bleiben auf der Wache. Es gibt unglaublich viele Ausländer, die zum Maidan kommen um zu zeigen, daß sie die Ukrainer unterstützen. Jeder schenkt den Menschen die da sitzen etwas, auch Geld oder Zigaretten. Das sind tolle Bilder, die mit so vielen Gefühlen beladen sind. Wir Touristen aus dem Westen, können den Ukrainern zeigen, daß wir sie verstehen und auch in den Gedanken bei ihnen sind. Das gibt den Ukrainern viel Kraft und Motivation. Dafür sind sie auch sehr dankbar und man merkt, wir freundlich sie zu uns Leuten aus dem Westen sind.
Ich denke die Ukrainer sind ein tolles Volk. Stark, positiv und treu zu ihren Zielen. Sie wollen für ihre Kinder ein neues Land aufbauen, in dem sie und alle neuen Generation andere Chancen und Perspektiven bekommen und Freiheit!

Es ist sehr schön jetzt in die Ukraine zu fahren. Man bekommt sehr interessante Eindrücke. Das Land steht am Anfang einer neuen Geschichte. Ich bin stolz darauf, daß das auch ein Teil meines Lebens ist und ich zittere zusammen mit den Ukrainern für ihre sichere und bessere Zukunft. Ich wünsche dem Land alles Gute und hoffe, der Westen unterstützt das Land, das um Frieden und Demokratie kämpfen muss, Errungenschaften, die wir hier inzwischen als selbstverständlich ansehen.

Valentina: Zum Abschluß möchte ich noch etwas sagen. Auf dieser Reise ist uns die besondere Gastfreundlichkeit der Ukrainer aufgefallen, als wir unsere Koffer geschleppt oder die Menschen auf der Straße etwas gefragt haben. Sie haben sich sofort viel Zeit für uns genommen, und uns beim Transport mit den Koffern geholfen.

Die Ukrainer sind jetzt besonders aufmerksam und hilfsbereit. Man hat das Gefühl, sie haben in den letzten Tagen verstanden, nur gemeinsam kann man etwas erreichen. Wir Menschen müssen zusammen halten, sonst sind wir schwach. Jeder, der unsere Hilfe braucht, bekommt sie, sonst sind wir kein starkes Volk.

Autor

Kommentare

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen.

← Älter Neuer →